Samstag, 15. April 2017

Rückblick auf den Shōtōkan-Stock-Lehrgang 2017 in Mittelbiberach

Gerne nahm ich eine weitere freundliche Einladung ins Ländle an und begab mich gemeinsam mit meinem Trainingspartner Rico Fuchs Anfang April 2017 erneut nach Mittelbiberach. Am ersten Abend konnte ich einen Vortrag über die Geschichte des Karate halten, der allen Interessierten offen stand. Neben einem Überblick über die historische Entwicklung des Karate-Dō Shōtōkan-Ryū ging ich kurz auf die Lehre sowie Fachbegriffe dieser Karate-Strömung ein. Während des Vortrags und danach wurde ich erfreulicherweise mit vielen Fragen eingedeckt.


Strahlender Sonnenschein war unser Begleiter am eigentlichen Lehrgangstag. Thema der vereinsinternen Veranstaltung war wie zuvor der Stock ( bzw. Kon) im Shōtōkan-Ryū. Planmäßig vermittelte ich vertiefenden Stoff zur Kata Shūji no Kon. Dazu gehörten verschiedene Details des Ablaufs, Punkte zur Körpermechanik, der Handhabung des Stocks im Vergleich zu anderen Stocktraditionen mit Ursprung in Okinawa, aber auch Erläuterungen zur Geschichte und Lehre des Stocks im Shōtōkan-Ryū oder seinem Stellenwert im Shōtōkan-Lehrgebäude.

Selbstverständlich standen auch viele Partnerübungen (Kumibō) zu Shūji no Kon auf dem Programm. Unter anderem erklärte ich zu diesen ein ausgewähltes Henka.

Als sehr angenehm empfand ich die lernwillige und konzentrierte Trainingsatmosphäre, die es mir ermöglichte, die eingeplanten Inhalte problemlos weiterzugeben. Abgerundet wurde mein Besuch durch die einwandfreie Organisation meiner Gastgeber.


Dankeschön nach Mittelbiberach!

© Henning Wittwer

Donnerstag, 30. März 2017

Warum ausgerechnet Shōtōkan-Ryū?

Warum übe ich ausgerechnet Shōtōkan-Ryū? Diese berechtigte Frage wurde kürzlich in einem Internetforum gestellt und ich musste nicht lange überlegen. Meine Antwort lautet:

Zum Zugucken und mal kurz Mitmachen fand ich ein paar Karate-Richtungen interessant.

Zum selbst Ausüben ist Karate-Dō Shōtōkan-Ryū die für mich einzig interessante Wahl, und das sind ein paar der Gründe:

(1) unglaubliche technische Tiefe,

(2) einzigartige Übertragungslinie hin zum Kompilator, Funakoshi Gichin Sensei (1868–1957),

(3) mannigfaltige Übertragungslinien ab dem Kompilator einerseits,

(4) gutes Beispiel dafür, wie sich Sport, Kommerz und Einheitsbrei negativ auf eine Schulrichtung auswirken können andererseits,

(5) gute Quellenlage hinsichtlich Geschichte, Lehre, Taktik, Philosophie,

(6) Verbindung von Theorie und Praxis,

(7) sowohl waffenlose als auch bewaffnete (, Sai usw.) Inhalte,

(8) Charakter meiner Übertragungslinie und mein Charakter passen gut zusammen,

(9) ausgeprägte kampfkünstlerische Kultur (Folklore, Dichtung, Kalligrafie usw.).

© Henning Wittwer

Dienstag, 14. März 2017

„Kobudō!?“ – Äh, nein …

Es war kein Stoff aus einer dieser Organisationen mit den Worten „Kobudō“ oder „Kobu-Jutsu“ im Namen, nein. Eine kleine, handverlesene Gruppe von Teilnehmern traf sich am 4. und 5. März 2017 erneut in Niesky, um an meinem Karate-Lehrgang mit dem Thema Stock im Shōtōkan-Ryū teilzunehmen.

Vier Stock-Kata des orthodoxen Shōtōkan-Ryū sind bis heute erhalten geblieben, und zwei von ihnen standen an dem Wochenende auf dem Trainingsplan. Neulingen vermittelte ich theoretische und praktische Kenntnisse zur Shūji no Kon und „alten Hasen“ auf dem Feld des Shōtōkan-Stocks Kenntnisse zu Sakugawa no Kon.

Hinzu kamen Partnerübungen (Kumibō) sowie ein Henka, die teilweise auf dem bereits bekannten Stoff der Vorjahre aufbauten. Wiederholt und vertieft wurden ebenso einige Partnerübungen des Schemas „leere Hand gegen Stock“ (Bō-Dori), die von Funakoshi Gichin Sensei stammen und Kenntnisse im Umgang mit dem Stock voraussetzen.

Daneben machte ich auf verschiedene Unterschiede zwischen der Handhabung des Stocks im Shōtōkan-Ryū und der Handhabung des Stocks in heute bekannten „Kobudō“-Richtungen aufmerksam. Denn es ist wichtig, den Shōtōkan-Stock als historischen wie auch technischen Bestandteil des Shōtōkan-Lehrgebäudes zu begreifen und auszuüben.

Wichtig zu vermitteln war mir ebenfalls, dass die Kata im Shōtōkan-Ryū nicht zum Zweck der Vorführung z. B. auf Wettbewerben o. ä. erlernt werden.

Über die durchgängig wiss- und übungsbegierigen Lehrgangsteilnehmer freute ich mich ebenso wie über erkennbare Fortschritte.

Für die Teilnehmer der Lesestoff zum Vertiefen der Hintergründe: Shūji no Kon sowie Sakugawa no Kon und der Shōtōkan-Stock.


Danke nach Dessau, Leipzig, Potsdam und natürlich Niesky!

© Henning Wittwer

Montag, 9. Januar 2017

Karate-Lehrgang im März 2017 in Niesky

Am ersten Märzwochenende findet erneut ein Karate-Lehrgang mit mir in Niesky statt. Weitere Informationen zum Inhalt des Lehrgangs gebe ich gerne auf Nachfrage. Anmeldungen sind bitte an den Ausrichter zu senden. Die Einladung als PDF gibt es hier.

© Henning Wittwer

Freitag, 18. November 2016

Neues Karate-Buch: Karate in Okinawa, Japan & Hawaiʻi 1935

Higaonna Kamesuke Sensei stammte aus Okinawa, war ein bedeutender Schüler von Motobu Chōki Sensei und einer der wirklich ersten Karate-Botschafter in Hawaiʻi. Das allein reichte, um meine Neugier zu wecken. Dazu kommt, dass er 1935 eine ausführliche Artikelreihe über die Ursprünge und die Entwicklung des Karate verfasste. Nachdem ich sie gelesen hatte, war mir klar, dass es sich um einen wertvollen Beitrag zum Verständnis des Karate im Allgemeinen handelt. Ich wollte ihn unbedingt deutschen Lesern zugänglich machen.

Zu den einzigartigen Informationen von Higaonna Senseis Text gehört eine, die die bisherigen Vorstellungen zur deutschen Karate-Geschichte betrifft. Zusätzlich stelle ich Higaonna Senseis Leben und Wirken mit Karate vor, liefere erklärende Anmerkungen zu seinem Text sowie einige seltene Fotos aus dieser Zeit.

Das Buch trägt den Titel „Higaonna Kamesuke über Karate in Okinawa, Japan & Hawaiʻi“ und kann direkt beim Verlag bestellt werden:

https://www.epubli.de/shop/buch/Higaonna-Kamesuke-über-Karate-in-Okinawa-Japan--Hawaiʻi-Henning-Wittwer-9783741863691/57455

© Henning Wittwer

Donnerstag, 30. Juni 2016

Impressionen vom Shōtōkan-Stock-Lehrgang 2016 in Mittelbiberach

Ende Juni 2016 folgte ich einer freundlichen Einladung ins Ländle, um dort einen Karate-Lehrgang zum Thema Stock im Shōtōkan-Ryū abzuhalten. Begleitet wurde ich von meinem Trainingspartner Rico Fuchs und gefühlt mehr Sonnenschein als Regen.

Für die Teilnehmer war es die erste Begegnung mit dem Shōtōkan-Stock, und daher begann ich den Lehrgang mit einem kurzen geschichtlichen Überblick, bei dem ich ein paar der Hauptgründe für das Fehlen des Stocks in den heute stärker verbreiteten Shōtōkan-Organisationen benannte. Gleichzeitig wies ich auf seine technische Bedeutung im historischen Shōtōkan (1938–1945) und folglich auch für heutige Übende hin.


Shūji no Kon, die grundlegende Stock-Kata des Shōtōkan-Ryū, war das Thema dieser vereinsinternen Fortbildung. Ich konzentrierte mich auf das Vermitteln des Ablaufs dieser Kata, einiger Probleme der damit einhergehenden Körpermechanik und verschiedener passender Partnerübungen (Kumibō).


Erfreulich für mich war die wissensdurstige, aufmerksame und miteinander vertraute Trainingsatmosphäre, die es mir leicht machte, den geplanten praktischen und theoretischen Stoff weiterzugeben. Auch die tadellose Organisation fiel mir positiv auf.

Am Rande kamen dazu natürlich weitere begriffliche und historische Fragen über Karate zur Sprache, deren Beantwortung, so hoffe ich, auf dem künftigen Karate-„Weg“ eine Hilfestellung sein wird …




Dankeschön nach Mittelbiberach!

Update: Hier noch ein Pressebericht: www.schwaebische.de/region_artikel,-Karate-Dojo-Mittelbiberach-trainiert-mit-dem-Stock-_arid,10486216_toid,158.html

© Henning Wittwer

Montag, 4. April 2016

Gedan-Barai: Stichpunkte zu Form und Funktion

Der Gedan-Barai bzw. der „Feger auf der unteren Stufe“ ist eine der absolut grundlegendsten Bewegungen im Karate-Dō Shōtōkan-Ryū. Erkennbar ist das an seinem Vorkommen in den Kata Taikyoku, Heian Shodan oder auch Ten no Kata. Mein Karate-Lehrer nennt ihn eine der drei (oder je nachdem vier) wichtigsten Techniken in seinem Karate.

Wie die äußere Form dieser Bewegung in etwa auszusehen hat, das weiß wohl jeder Neuling im Shōtōkan-Ryū nach kurzer Zeit. Klar, je nach Institution oder Übertragungslinie gibt es größere oder kleinere Abweichungen. Okuyama Tadao Sensei lehrte z. B. einen Gedan-Barai, bei dem die fegende Hand am Anfang nicht bis hoch zum Schulter-Hals-Bereich geführt wird. Aber ganz grob erkennt wahrscheinlich jeder Karateka einen Gedan-Barai. Eben diese äußere Form ist ein Grund für seine Wichtigkeit. Diese Form führt zum Funktionieren.

Wer das liest, denkt vielleicht sofort an „Bunkai“ oder an ulkige Bücher wie „101 Gedan-Barai“. Nein, mit „funktionieren“ meine ich etwas anderes.

Kase Taiji Sensei lehre ein Konzept, bei dem der Unterarmknochen wie eine Hiebwaffe eingesetzt wird. Er demonstrierte Gedan-Barai als scharf und hart in die Angriffsgliedmaße einschlagende (einschneidende) Technik. Und er ließ uns demgemäß üben, wieder und wieder. Ich liebte es. Ich liebte es, weil es funktionierte. Kase Senseis Ansatz war, dem Gegner mit dem ersten Kontakt klarzumachen, dass sein Angriff keine gute Idee war, dass sein Angriff ein Fehler war. Er selbst verkörperte diese Wirksamkeit noch als etwa 70-Jähriger Mann. Daran gibt es keinen Zweifel.

Dann stand ich meinem späteren Karate-Lehrer zum ersten Mal gegenüber. Während ich ihn angriff, machte ich mich auf Schmerzen im Unterarm gefasst – die kannte ich ja schon. Doch irgendetwas war anders an seinem Gedan-Barai. Darüber musste ich nachdenken, während ich mich vom Boden erhob. Und das, was anders war, wollte ich lernen. Tatsächlich verdrängte ich die mir bis dahin bekannten Karate-Ansätze (was notwendig war) und begann mich ausschließlich mit diesem für mich neuen Ansatz zu befassen.

Wer sich selbst oder die gegnerische Angriffsgliedmaße mit seinem Gedan-Barai „blockiert“, kann nicht „fegen“. Rein sprachlich ist das schon ein Unterschied. Und rein technisch bewirkt das einen großen Unterschied. Am Blockieren ist je nach Situation nichts verkehrt. Aber das Ergebnis ist beim Fegen ein anderes.

Die technische Form des Gedan-Barai nötigt mich dazu, den Arm und die Schulter nach unten zu bewegen. Und genau das ist ein Knackpunkt, wenn es um das Funktionieren des Gedan-Barai gehen soll. Diese Art von Bewegungsgefühl kann dann auf alle anderen Bewegungen übertragen werden – vorausgesetzt, der Karateka bekam es wirklich vermittelt.

Während die äußere Form des Gedan-Barai in der Soloübung (Kata) eher gleichbleibend und vollständig ausgeführt wird, ist sie in der Partnerübung (Kumite) häufig wechselnd und unvollständig. Doch bestimmte äußere Förmlichkeiten bleiben auch im Kumite bestehen. Fielen sie weg, dann würde der Gedan-Barai an Wirksamkeit verlieren oder gar nicht mehr funktionieren.

Zusätzlich zur äußeren Form sind für das Funktionieren des Gedan-Barai selbstverständlich noch viele andere Faktoren von Bedeutung, z. B. sehr gutes Timing (und kein „Fake-Timing“), Abstandsgefühl oder auch ein entschlossener Angriff. Aber auf diese Faktoren möchte ich an anderer Stelle zu sprechen kommen …

© Henning Wittwer